SERA · GEDANKEN ÜBER UNS MENSCHEN

Lieber heftig unglücklich als gar keine Gefühle

Warum wir manchmal genau dann Unruhe erzeugen, wenn unser Leben endlich ruhig wird.

Diesen Satz habe ich vor Kurzem gehört: „Lieber heftig unglücklich als gar keine Gefühle.“

Verdammt. Da ist etwas dran.

Wir Menschen tun erstaunliche Dinge. Wir sehnen uns nach Ruhe – und sorgen dafür, dass es wieder kompliziert wird. Wir wünschen uns eine liebevolle Beziehung – und beginnen genau dann zu zweifeln, wenn sie sicher wird. Wir wollen weniger Stress, und kaum wird es still, fällt uns etwas ein, worüber wir uns Sorgen machen könnten.

Manche Menschen funktionieren jahrelang unter Druck erstaunlich gut. Ein Problem? Wird gelöst. Eine Krise? Los geht's. Zehn Dinge gleichzeitig? Kein Thema. Aber ein Sonntag, an dem nichts passiert – das wird schwierig. Ein Mensch, der einfach da ist, der nicht spielt, nicht droht zu gehen, nicht ständig Nähe gibt und wieder entzieht – und plötzlich fehlt etwas.

Wir nennen das gerne Selbstsabotage. Ich glaube, wir sollten genauer hinschauen. Denn wahrscheinlich versuchen wir in solchen Momenten nicht, unser Glück kaputtzumachen. Wir stellen etwas wieder her, das uns vertraut ist.

Ein Kind in uns kennt den Unterschied zwischen dem, was guttut, und dem, was sich bekannt anfühlt.

Die beiden sind nicht automatisch dasselbe.

Wenn Ruhe sich plötzlich nicht gut anfühlt

Sollte sich Entspannung nicht automatisch angenehm anfühlen? Offenbar nicht immer.

Ein Blick in die Forschung

Das Phänomen ist in der Psychologie bekannt und wird als „relaxation-induced anxiety“ bezeichnet – Angst oder Anspannung, die ausgerechnet während einer Entspannung auftritt.

Bereits 1983 untersuchten Frederick Heide und Thomas Borkovec das bei Menschen mit erhöhter Grundanspannung. Spätere Untersuchungen bestätigten: Es gibt Menschen, deren Angst während gezielter Entspannung nicht sinkt, sondern steigt.

Das verändert die Frage. Nicht: Warum kannst du dich nicht entspannen? Sondern: Was passiert eigentlich in dir, wenn du dich entspannst?

Wenn du über Jahre gelernt hast, aufmerksam zu sein, Situationen zu kontrollieren, Stimmungen anderer zu lesen, Konflikte vorauszusehen – dann ist ein Zustand, in dem all das nicht nötig ist, ungewohnt. Und ungewohnt ist nicht automatisch angenehm.

Wichtig

Ich halte allerdings wenig von dem Satz, der inzwischen überall kursiert: „Dein Nervensystem hält Stress für sicher.“

Klingt gut, ist aber so pauschal wissenschaftlich nicht belegt. Es gibt keinen kleinen Schalter im Nervensystem, der entscheidet: Drama kenne ich, also mache ich wieder Drama. Was die Forschung zeigt, ist feiner. Und interessanter.

Warum wir uns manchmal lieber Sorgen machen

Die Psychologinnen Michelle Newman und Sandra Llera entwickelten das Contrast Avoidance Model. Ihre Forschung bezieht sich vor allem auf Menschen mit generalisierter Angststörung, man darf sie also nicht eins zu eins auf jeden übertragen.

Aber der Mechanismus dahinter ist faszinierend: Menschen, die sich chronisch sorgen, halten diesen Zustand womöglich auch deshalb aufrecht, weil er sie bereits in einer negativen emotionalen Verfassung hält.

Warum sollte jemand das tun? Weil der Absturz dann kleiner ist. Wenn ich innerlich schon darauf vorbereitet bin, dass etwas schiefgeht, trifft mich eine schlechte Nachricht nicht aus einem entspannten, glücklichen Zustand heraus. Die Sorge wird zur emotionalen Vorbereitung.

Wir halten einen unangenehmen Zustand aufrecht, weil uns der Wechsel von gut zu schlecht noch unangenehmer erscheint als das Unangenehme selbst.

Das heißt nicht „Ich möchte unglücklich sein“. Es heißt eher: Wenn ich mich jetzt wirklich fallen lasse, könnte mich das, was danach kommt, völlig unvorbereitet treffen.

Plötzlich hat diese permanente Sorge eine andere Bedeutung. Sie ist nicht nur etwas, das weg muss. Sie hatte einmal eine Funktion.

Und dann erzeugen wir tatsächlich wieder Stress

Es gibt noch eine Forschungsrichtung, die ich fast noch spannender finde: Stress Generation.

Die Beobachtung dahinter – belastende Lebensereignisse passieren uns nicht nur, sie entstehen teilweise auch aus unserem eigenen Verhalten, unseren Entscheidungen, unseren Beziehungen.

Forschung

Eine 2023 veröffentlichte Meta-Analyse mit 95 Längsschnittstudien und über 38.000 Menschen fand diesen Zusammenhang über verschiedene psychische Belastungen hinweg bestätigt – am stärksten bei Stressoren, auf deren Entstehung das eigene Verhalten tatsächlich Einfluss hat.

Das bedeutet nicht, dass jemand „selbst schuld“ ist an seinem Stress. Das wäre eine ziemlich billige Lesart.

Es bedeutet: Wir sind nicht nur Empfänger unserer Lebensumstände, wir erzeugen einen Teil davon mit. Durch die Menschen, die wir wählen. Durch Beziehungen, in denen wir bleiben, obwohl wir es besser wissen. Durch Konflikte, die wir anfangen. Durch Grenzen, die wir nicht setzen. Durch die Art, wie wir reagieren, wenn es plötzlich ruhig wird.

Und genau hier wird Selbstsabotage interessant.

Wir wollen nicht immer das, was uns guttut

Ein weiterer Mechanismus, der zunächst absurd klingt: Self-Verification.

Menschen wollen offenbar nicht nur positiv über sich denken – wir wollen auch, dass unser bestehendes Selbstbild bestätigt wird. Selbst wenn dieses Bild negativ ist.

Eine klassische Untersuchung von Giesler, Josephs und Swann mit klinisch depressiven Menschen zeigt das eindrücklich: Die Teilnehmer konnten zwischen positivem und negativem Feedback über sich wählen.

82 % der depressiven Teilnehmer entschieden sich für das negative Feedback
25 % der Menschen mit hohem Selbstwert wählten das negative Feedback

Vertrautheit hat Macht. Größer manchmal als der Wunsch, dass es uns gut geht.

Wenn ich tief in mir überzeugt bin, ich sei nicht wichtig, dann ist ein Mensch, der mich wirklich wichtig nimmt, nicht nur schön – er stellt mein altes Bild infrage.

Wenn ich als Kind gelernt habe, dass Nähe irgendwann Verletzung bedeutet, kann eine verlässliche Beziehung merkwürdig irritierend werden.

Wenn mein Leben jahrzehntelang kämpfen, funktionieren, weitermachen bedeutet hat, wirft Frieden eine Frage auf, die ich nie beantworten musste:

Wer bin ich, wenn gerade nichts bekämpft werden muss?

Vielleicht vermisst du gar nicht den Schmerz. Sondern die Intensität.

Vielleicht vermisst du gar nicht den Schmerz, sondern die Intensität – SERA
Manchmal fehlt uns nicht das Drama – sondern die Intensität, die wir so lange mit Lebendigkeit verwechselt haben.

Wenn Intensität mit Lebendigkeit verwechselt wird

Das ist an dieser Stelle meine eigene Beobachtung, kein Studienergebnis. Viele von uns haben einen großen Teil ihres Lebens Intensität mit Lebendigkeit verwechselt.

Streit ist intensiv. Versöhnung ist intensiv. Sehnsucht ist intensiv. Jemanden verlieren und zurückgewinnen ist intensiv.

Eine stabile Beziehung wirkt daneben fast unspektakulär. Da schreibt jemand, wenn er sagt, dass er schreibt. Da liebt dich jemand auch an einem ganz gewöhnlichen Dienstagmorgen. Kein Rätsel, keine emotionale Achterbahn, kein Interpretieren von WhatsApp-Nachrichten um Mitternacht.

Und irgendwann sitzt du da und denkst: War's das jetzt?

Möglicherweise fehlt dir gar nicht die Liebe. Es fehlt die Aufregung, die du irgendwann mit Liebe verwechselt hast.

Und dann fangen wir an, Intensität selbst herzustellen. Wir zweifeln, wir provozieren, wir ziehen uns zurück, wir suchen ein Problem, wir beschäftigen uns mit Dingen, die längst geklärt waren. Nicht bewusst.

Und schon ist es wieder da – dieses Gefühl, dass endlich etwas passiert.

Lieber heftig unglücklich
als gar keine Gefühle.

Frieden ist keine Gefühllosigkeit

Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ruhe bedeutet nicht, dass nichts mehr da ist. Sicherheit bedeutet nicht Langeweile. Eine Beziehung ohne Drama bedeutet nicht, dass die Liebe fehlt.

Wir müssen nur wieder lernen, feinere Gefühle wahrzunehmen: diese leise Freude morgens im Bett. Das Gefühl, neben einem Menschen nicht aufpassen zu müssen. Ein Essen, bei dem niemand etwas von dir will. Der Moment, in dem dir auffällt, dass dein Handy seit zwei Stunden irgendwo liegt und dir gefehlt hat – nichts.

Das ist nicht nichts.
Es ist vermutlich unglaublich viel.

Nur leiser als das, was du gewohnt bist.

Und dein Herz kennt diesen Unterschied, auch wenn dein Kopf ihn noch nicht in Worte fassen kann.

Vielleicht musst du dein Glück erst aushalten lernen

Veränderung heißt nicht immer, noch härter an sich zu arbeiten. Manchmal heißt sie, einen guten Zustand nicht sofort wieder zu verlassen.

Nicht gleich die nächste Baustelle aufzumachen. Nicht zu misstrauen, nur weil ein Mensch es gut mit dir meint. Nicht nach dem Haken zu suchen, nur weil gerade etwas funktioniert.

Und vielleicht einmal sitzen zu bleiben, wenn es ruhig wird. Auch wenn sich das zunächst komisch anfühlt.

Einfach zu beobachten, was in dir passiert – ob du unruhig wirst, ob du plötzlich ein Problem brauchst, ob du an deiner Beziehung zu zweifeln beginnst.

Nicht als Übung in perfekter Gelassenheit, sondern aus echter Neugier auf dich selbst.

Was du dort findest, hast du vielleicht lange mit Leere verwechselt.

Es war Frieden.

Und der fühlt sich am Anfang selten spektakulär an. Vielleicht ist genau das das Neue daran: dass du dich nicht mehr beweisen musst, um zu spüren, dass du lebst. Dass dein Wesen auch dann da ist, wenn gerade nichts kämpft.

Vielleicht ist das, was du gerade als Frieden neu kennenlernst, gar nicht neu. Vielleicht war es immer da – bevor du gelernt hast zu kämpfen, bevor Angst dir zeigte, wie man wachsam bleibt.

Manche nennen das die Seele, die sich nicht beweisen muss. Ich nenne es die Verbindung, die du nie verloren hattest, nur vergessen.

Der Weg dahin führt nicht über den Kopf. Er führt über den Körper.

Die Füße auf dem Boden spüren. Den Atem, der ohnehin gerade da ist. Nicht analysieren, was du fühlst – nur wahrnehmen, dass du es fühlst.

Wie eine Beobachterin, die nichts bewerten muss, nur hinschauen. Genau das ist der Moment, in dem du aufhörst, dich zu erklären, und anfängst, da zu sein.

Und jedes Mal, wenn du so – geerdet, im Jetzt, ohne Urteil – in der Stille sitzen bleibst, statt zu fliehen, erinnerst du dich ein Stück weiter zurück. An das, was du warst, bevor du gelernt hast, wer du sein musst.

Ich bin hier. Und das reicht.

VIELLEICHT IST GENAU DAS HEIMKEHR

Du musst nicht noch mehr werden. Vielleicht darfst du wieder bei dir ankommen.

Wenn du beim Lesen gespürt hast, dass du nicht noch mehr über dich verstehen, sondern etwas in deinem Leben wirklich anders erfahren möchtest, dann möchte ich dich zu zwei besonderen Tagen einladen.

HEIMKEHR IN DEINE KRAFT ist ein bewusst kleines Retreat für Frauen, die bereit sind hinzuschauen, loszulassen und wieder mehr Raum für das zu schaffen, was längst in ihnen lebt.

HEIMKEHR IN DEINE KRAFT
26.–27. September 2026
Meran · Südtirol
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