Die Meisterschaft,
die niemand sah
Ich habe meine Wettkampffotos jahrelang nicht angeschaut.
Sie lagen irgendwo in einer Kiste, in einem Ordner, in einer Schublade, die ich nicht aufgemacht habe. Das ganze Schwimmen, die Wettkämpfe, dieser Teil meines Lebens, ich habe ihn einfach verdrängt. Nicht bewusst. Es war eher so, dass mein Kopf beschlossen hatte, da gibt es nichts zu sehen.
Und wenn ich mir heute so ein Foto anschaue, ein Kind, nass, erschöpft, auf dem Treppchen, sehe ich etwas, das mir früher nicht aufgefallen wäre. Ich lächle darauf. Aber es ist nicht das Lächeln, das man denkt. Es ist das Lächeln von jemandem, der gelernt hat, wie ein zufriedenes Kind auszusehen hat.
Ich war gut. Wirklich gut. Im Schwimmen, im Sport überhaupt, in der Schule sowieso. Bestleistungen, Urkunden, Lob von Lehrern, ein Zimmer voller Pokale. Von außen: ein Kind, dem alles zufliegt. Von innen: ein Kind, das funktioniert.
Ich habe früh gelernt, Menschen zu lesen. Bevor sie etwas sagten, wusste ich schon, was sie brauchten. Ich habe gespürt, wenn Luft im Raum eng wurde, und wusste, welche Version von mir jetzt gefragt war. Die Angepasste. Die Starke. Die, die keine Probleme macht. Ich wusste das, weil ich es wissen musste. Kinder lernen das nicht aus Interesse. Sie lernen es, weil ihr Überleben davon abhängt, wie sicher sie sich in ihrer Familie fühlen.
Und ich glaube, tief drin ging es nie um die Zeit im Wasser oder die Note auf dem Zeugnis. Es ging darum, endlich gesehen zu werden. Nicht für das, was ich leiste. Für das, was ich bin. Ich habe nach der Liebe gesucht, die keine Bedingung hat. Und ich habe sie nicht gefunden, also habe ich mir eine Bedingung gebaut, die ich erfüllen konnte. Leistung war planbar. Liebe war es nicht.
Wenn Leistung zur Sprache wird
Kinder verstehen Liebe nicht über Worte. Sie verstehen sie über Reaktionen. Über den Blick, der aufleuchtet, wenn man etwas gut gemacht hat. Über die Stille, wenn man einfach nur da war, ohne etwas zu leisten.
Wenn dieser Blick nur bei Leistung aufleuchtet, lernt ein Kind eine einfache Gleichung. Ich bin wertvoll, wenn ich etwas bringe. Ich bin unsichtbar, wenn ich einfach nur bin.
In der Psychologie nennt man das kontingentes Selbstwertgefühl. Die Forscherin Jennifer Crocker hat dazu über Jahre gearbeitet und gezeigt, dass Menschen, deren Selbstwert an äußere Erfolge geknüpft ist, zwar kurzfristig Erleichterung spüren, wenn sie liefern, aber kaum echte Freude. Der Erfolg bringt keinen Stolz. Er bringt nur eine Pause von der Angst zu versagen. Man atmet aus, statt sich zu freuen. Und dann beginnt die Anspannung wieder von vorn, weil die nächste Bestätigung fällig ist.
Ich stand auf diesem Treppchen und habe nicht gefeiert. Ich habe geprüft, ob es reicht.
Das nennt man nicht Ehrgeiz. Das ist eine Überlebensstrategie, die sich Ehrgeiz nennt, damit sie niemandem auffällt. Auch mir selbst nicht.
Die Meisterin im Funktionieren
Wenn ein Kind zu früh spürt, dass seine Bedürfnisse zweitrangig sind, passt es sich an. Es wird zuständig für die Stimmung im Raum, für die Anerkennung von außen, für das eigene Funktionieren, egal was innen passiert. In der Fachliteratur heißt dieser Mechanismus Parentifizierung, wenn ein Kind emotionale Aufgaben übernimmt, die eigentlich Erwachsenen gehören. Aber auch ohne dieses große Wort gilt: ein Kind, das lernt, sich unsichtbar klein zu machen, um geliebt zu werden, trägt dieses Muster oft ein ganzes Leben mit sich.
Ich war eine Meisterin im Funktionieren.
Nicht weil ich stark war.
Sondern weil ich keine andere Wahl zu haben glaubte.
Und das Fatale daran: von außen sieht das aus wie Erfolg. Niemand fragt ein Kind, das ständig gewinnt, ob es müde ist. Niemand fragt eine Frau, die alles im Griff hat, ob sie sich jemals erlaubt hat, wirklich glücklich zu sein. Auch als Mama nicht. Vielleicht besonders dann nicht. Weil auch da wieder eine Rolle wartet, die man perfekt ausfüllen soll, während das eigene Gefühl dahinter verschwindet.
Wie ich meine eigenen Titel verräumt habe
Das Muster aus meiner Kindheit ist nicht in der Kindheit geblieben. Es ist zweitausendacht wieder aufgetaucht, nur in einer anderen Form. Ich war da im Bodybuilding aktiv, und ich war richtig gut. Die Bilder aus dieser Zeit zeigen das deutlich.
Ich schreibe das jetzt zum ersten Mal so einfach hin, ohne einen Nebensatz hinterher, der es kleiner macht: Ich habe drei deutsche Meistertitel geholt.
Drei Mal ganz oben, auf der Bühne. Und dann, irgendwann, habe ich einfach aufgehört. Nicht schrittweise, nicht überlegt, nicht mit einem großen Abschied. Ich bin aus der Szene verschwunden. Als hätte es das nie gegeben. Wenn mich später jemand darauf ansprach, habe ich es abgetan. Ach, das war mal, das ist lange her, das zählt nicht mehr.
Lange habe ich nicht verstanden, warum ich das so gemacht habe. Ich habe es mir als Zufall erzählt, als überstandene Phase. Aber es war kein Zufall. Es war dasselbe Muster wie Jahre zuvor im Schwimmbecken, nur in einem anderen Körper, auf einer anderen Bühne.
Wenn Erfolg nie Freude gebracht hat, sondern nur die nächste Erwartung, dann wird er irgendwann zu einer Last, die man nicht mehr tragen will. Ich glaube heute, ich bin nicht vom Bodybuilding weggegangen. Ich bin vor dem weggegangen, was der Erfolg in mir hätte auslösen sollen und nie ausgelöst hat.
Ich konnte diese Titel nicht in meine Geschichte einbauen, weil ich sie nie wirklich gefühlt hatte. Sie standen da wie eine fremde Requisite. Also habe ich sie verräumt. Nicht aus Bescheidenheit. Aus Selbstschutz.
Heute steht das anders da. Heute kann ich sagen, ich habe drei deutsche Meistertitel geholt, und dabei etwas spüren. Stolz, ja. Aber auch etwas Leiseres darunter. Eine Art Anerkennung für die Frau, die damals alles gegeben hat, ohne zu wissen, wofür.
Warum wir unsere Erfolge nicht fühlen können
Wenn Freude in der Kindheit an Bedingungen geknüpft war, oder schlimmer, wenn eigene Erfolge sogar Neid, Konkurrenz oder Rückzug bei den Eltern ausgelöst haben, lernt das Nervensystem etwas Wichtiges: Erfolg ist nicht sicher. Sichtbarkeit ist nicht sicher.
Das bleibt im Körper gespeichert, lange nachdem der Verstand längst erwachsen ist. Deshalb können viele Menschen ihre Leistungen auflisten, aber nicht fühlen. Sie wissen, dass sie etwas geschafft haben. Sie spüren es nur nicht.
Das ist keine Charakterschwäche. Das ist ein sehr altes Schutzprogramm, das einmal Sinn gemacht hat.
Und hier kommt das, was mich am meisten trägt, wenn ich mit diesem Thema arbeite: Unser inneres System kennt keine Zeit. Es unterscheidet nicht zwischen damals und heute. Ein Gefühl, das nicht durchlebt werden durfte, wartet einfach. Es verschwindet nicht von selbst, aber es kann jetzt noch ankommen. Wir können als Erwachsene den Moment noch einmal betreten und ihm geben, was gefehlt hat.
Ich habe das erlebt. Ich bin noch einmal in diesen Moment auf dem Treppchen gegangen, diesmal ohne Publikum, ohne Bewertung, nur ich und dieses Kind.
Und ich habe gespürt, wie sich etwas in mir gelöst hat, das jahrzehntelang gewartet hatte. Es war kein spektakulärer Moment. Es war eher ein leises Ja, endlich.
Eine Übung, um Stolz noch einmal zu fühlen
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass etwas in dir reagiert, dann lade ich dich ein, dir fünf ruhige Minuten zu nehmen.
Setz dich hin. Schließ die Augen, wenn dir das guttut.
Denk an einen Moment aus deiner Kindheit oder Jugend, in dem du etwas geleistet hast, worauf du stolz sein durftest. Ein Wettkampf, eine Note, eine Aufführung, egal was. Wichtig ist nur, dass es real war.
Geh in dieses Bild zurück. Wo warst du? Was hattest du an? Wer war da? Was hast du gerochen, gehört, gespürt?
Und jetzt die eigentliche Frage: Was hättest du damals gebraucht, um diesen Moment wirklich feiern zu können?
Eine Umarmung? Einen Blick, der nur dir gehört? Ein Satz wie, ich bin stolz auf dich, ganz egal, was du leistest?
Gib dir das jetzt. Als die Erwachsene, die du heute bist. Sprich innerlich zu diesem Kind. Sag ihm, was es damals nicht hören durfte. Bleib so lange in diesem Gefühl, wie es sich richtig anfühlt.
Das ist keine Fantasie. Für dein Nervensystem ist das ein echter Moment. Und jedes Mal, wenn du das übst, wird der Zugang zu deiner eigenen Freude ein Stück leichter.
Es ist nicht zu spät
Ich habe lange gedacht, diese Fähigkeit, mich zu freuen, sei mir einfach nicht gegeben. Ich weiß heute, dass sie nur verschüttet war.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, wenn du auch eine Meisterin im Funktionieren bist, die ihre Erfolge zählen, aber nicht fühlen kann, dann will ich dir sagen: du bist nicht kaputt. Du hast als Kind eine Sprache gelernt, die dir das Überleben gesichert hat. Und du darfst jetzt eine neue Sprache lernen. Eine, in der Freude keine Belohnung ist, sondern ein Zuhause.
Und wenn du wie ich irgendwann etwas verräumt hast, das eigentlich zu dir gehört, ein Talent, einen Titel, ein ganzes Kapitel deines Lebens, dann lade ich dich ein, genau das noch mal anzuschauen. Nicht um es zur Schau zu stellen. Sondern weil du dich nur ganz zeigen kannst, wenn du zu allem stehst, was du bist. Alles, was wir wegschieben, weil wir es nicht fühlen konnten, zieht uns leise davon ab, echt zu sein. Löse es auf, wenn du kannst. Es macht Platz für den Menschen, der du wirklich bist.
Das Kind auf dem Treppchen wartet immer noch.
Aber jetzt weiß es, dass du kommst.